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Andreas Tschersich – peripher
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Inhaltliche Schwerpunkte
Seit Beginn meiner künstlerischen Tätigkeit ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit Orten und Land-schaften sowie deren mediale Repräsentation zentrales Thema meiner Arbeit. Die einzelnen Arbeiten lassen sich unter dem Aspekt des Peripheren bzw. unter dem Titel peripher zusammenführen. Das Periphere findet sich dabei auf verschiedenen Ebenen – nicht einzig in der Darstellung von städtebaulicher Peripherie. Es lässt sich in urbanen Räumen ebenso verorten wie in scheinbar idyllischen Landschaften. peripher fungiert in den Bildern als strukturelles, ästhetisches oder mentales Moment. Es verweist auf Orte des Übergangs und Durchgangs, die sich dem Wunsch nach eindeutiger Verortung, Normierung und Begrenzung entziehen: «Terrains vagues», die im Dazwischen sind und darin ihre eigenen, oftmals prekären Gesetzmässigkeiten und Identitäten ausformen. Ich portraitiere Landschaften, Orte und Gebäude, um darin Distanz und Abwesenheit aufzuzeigen – Abwesenheit von Menschen, Sorgfalt, Gewohnheit oder Nutzen. Mir ist es wichtig, Orte so zu zeigen, wie sie jedermann sehen kann. Der Betrachter kann so den Augenblick miterleben. Ich strebe bewusst keine neuen, innovativen Bildwelten an. Die ausgewählten Orte und Szenerien erzählen genug, es braucht nichts hinzugefügt werden. Deshalb verzichte ich auf (Farb-)Manipulationen und eine «persönliche Handschrift». Auf den ersten Blick scheinen die Motive beliebig zu sein. Die Details jedoch charakterisieren die Orte,
machen sie einzigartig. Und dennoch sind sie universell, weil in den Arbeiten immer mehr mitschwingt als der dargestellte Ort. Grossformatige Abzüge lassen den Betrachter dieses Spannungsfeld erschliessen.
Das Spektrum der dargestellten Szenerien reicht von urbaner Tristesse bis zu vordergründig intakter Natur. Das Periphere, das ich zu zeigen versuche, ist von vielerlei Gestalt: selbst im Herzen der Städte und inmitten von erhabener Natur finden sich Weltvergessenheit und eine grosse Verlassenheit.
In den letzten Jahren habe ich mich verstärkt mit Industrieorten weltweit auseinandergesetzt. Die Industrieanlagen selbst sind heutzutage überwiegend negativ konnotiert und die Darstellungen davon – im Sinne romantisierender Industrie-Ästhetik – meist zu stereotyp. Viel interessanter ist die nähere Umgebung, weil sie nicht die grosse Geschichte des Zerfalls erzählt, sondern viele kleine. Diese aber auf eine subtilere und persönlichere Art und Weise. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass jeder Spalt und jede Ritze das Erbe weiterträgt.

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Abseits von städteplanerischem Denken und bewusster Gestaltung zeigt Andreas Tschersich jene Orte, die sich durch die Zeit hindurch zu atmosphärischen Metaphern für Durchgang und Absenz verdichtet haben. In ihnen offenbart sich die Einsamkeit und Unwirtlichkeit unserer Städte, fremder Städte – des Landes gleich dazu.« Claudia Mareis, Design- und Kulturwissenschaftlerin, Basel
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Arbeitstechnik
Um dem «menschlichen Blick» möglichst nahe zu bleiben, habe ich mir eine digitale Montagetechnik angeeignet, die für den Betrachter unsichtbar bleibt. Dabei werden mehrere Mittelformat-Negative zu einem grossen Bild zusammengefügt. So lassen sich einerseits grössere Ausschnitte darstellen und andererseits perspektivische Verzerrungen vermeiden – im Gegensatz zur mechanisch-konstruierten Einzelaufnahme einer Grossbild-Kamera. Ziel dieser subjektiv-künstlerischen Montagetechnik ist es nicht, Wirklichkeit zu verfälschen, sondern sich dieser vielmehr so eng als möglich anzuschmiegen – immer im Wissen der medialen Begrenztheit der Fotografie.

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We recognize the camera is not the eye and in an attempt to place the observer in the original experience to which the image is witness, the viewer absent to a moment never physically experienced, yet, due to the magic of scale and the use of multiple views one is transposed into the virtual reconstitution of a lost space where we are able to share experience and original intent of the artist indirectly through the act of looking.« David Stokes, University of Liverpool |

Laudatio zum Fotopreis 2011 des Kantons Bern im PhotoforumPasquArt in Biel-Bienne
Hélène Joye-Cagnard, 26. März 2011
zur Ausstellung «Fotopreis 2011 des Kantons Bern»
vom 27. März bis 29. Mai 2011
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Die beiden Arbeiten des Fotografen Andreas Tschersich, für die sich die Kunstkommission des Kantons Bern im Rahmen des Fotopreises 2011 entschieden hat und die hier ausgestellt sind, sowie das Bild auf der Einladungskarte zeigen neueste Aufnahmen aus New York und Detroit. So steht es zumindest auf den Untertiteln der Bilder. Und das ergibt sich auch aus einigen typischen Details, wie zum Beispiel ein Strassenschild. Auf den ersten Blick könnten diese Orte in der Peripherie aber auch in der einen oder anderen Metropole diesseits des Atlantiks aufgenommen worden sein. Das Hauptaugenmerk des Fotografen liegt nämlich nicht in der Kenntlichmachung des Ortes. Er versucht vielmehr, eine Stimmung wiederzugeben – die Stimmung, die in diesen nicht genauer bestimmten, aber gleichzeitig sehr spezifischen Gegenden am Stadtrand herrscht. Er antwortet auf deren chaotische Anordnung mit einer überlegten Bildkomposition, in der die geometrischen Komponenten des Sujets hervorgehoben werden. Die vertikalen, horizontalen und diagonalen Linien, die Schatten- und Lichtbereiche sowie ein paar farbige Elemente verleihen den Bildern eine markante Struktur. Mit seinen grossformatigen, aus Augenhöhe geschossenen Bildern gelingt es dem Fotografen, uns direkt in diese Stimmungen eintauchen und die Distanz zwischen dem Bild und dem Betrachter verschwinden zu lassen.
Andreas Tschersichs drei Bilder, über die wir heute Abend sprechen, sind Teil einer grösseren Serie, die er 2004 unter dem Titel «peripher» begonnen hat. Sein Interesse für dieses Sujet, eine Art Inventarisierungsversuch, wurzelt in seinen Anfängen. Schon in seiner 1999 an der Schule für Gestaltung in Biel veröffentlichten Diplomarbeit zeigte sich die Anziehungskraft für das zu inventarisierende Urbane. Sein Werk «Bieler Tramwartehäuschen 1927-1941» erfasst die acht Bieler Tramhaltestellen, die während dieser intensiven städtebaulichen Entwicklungszeit gebaut worden waren. Er ergänzt seine eigenen Fotografien mit Plänen, Unterlagen und Erläuterungen. Die Einleitung dieses Buchs tönt rückblickend fast wie ein Manifest. Der junge Diplomand sagt darin (ich zitiere): «Mir war die Atmosphäre dieser Tramwartehäuschen ebenso wichtig, wie architekturspezifische Einzelheiten.»
Andreas Tschersich ist weder ein Architekturfotograf noch ein Schüler von Bernd und Hilla Becher. Seine Bilder berichten über die Gefühle, die in gewissen Stadtrandgebieten oder Industriezonen unserer westlichen Gesellschaft vorherrschen – in diesen Randgebieten, die noch nicht oder nicht mehr klar definiert sind. Charakteristisch für diese Fotos ist das Fehlen von Menschen und jeglicher Bewegung. Der Vordergrund ist leer und besteht fast immer aus Strassen und Kreuzungen. Kreuzungen, die Begegnungsort sein könnten, es aber in der heutigen Zeit des motorisierten Vorankommens nicht mehr sind. Die Strassen scheinen aus dem Rahmen zu führen. Sie kommen einer Einladung gleich, dem Ort zu entfliehen. Diese Fotografien veranschaulichen auf perfekte Art und Weise die Definition des Nicht-Ortes, so wie wir sie bereits 1992 im Werk des französischen Anthropologen Marc Augé «Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit» finden. Der Nicht-Ort als Ort ohne zugewiesene soziale oder politische Funktion, letztlich ohne Definition, ohne Relation, ohne Identität, ohne Geschichte, ist ein nicht-anthropologischer Ort. Ein anthropologischer Raum hingegen wäre ein existenzieller Raum, ein Ort der Erfahrung, eines Bezugs zur Welt, eines Wesens im Verhältnis zu einem Lebensraum. Das Gefühl, das mit diesen Bildern, auf denen jegliche menschliche Präsenz fehlt, freigesetzt wird, ist ein Gefühl des Verlassenseins, der Einsamkeit, der Ohnmacht gegenüber diesem urbanen Moloch. Andreas Tschersich setzt die lange Tradition der Fotografen fort, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Aufnahmen dieses neue, von Marc Augé analysierte Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt festhalten. Auch wenn das Sujet immer wieder dasselbe ist, so könnten die Ansätze nicht unterschiedlicher sein. Ein Beispiel ist Lewis Baltz, der den Wandel der amerikanischen Landschaft in den 1970er-Jahren mit minimalistischen Fotografien dokumentierte. Peter Fischli und David Weiss zeigen uns in den 1990er-Jahren die Austauschbarkeit von Flughäfen. Und in jüngerer Zeit legt Stéphane Couturier den Akzent auf städtische Räume, die permanenten Veränderungen unterworfen sind, und schafft so ästhetisierte Bilder. Die hier ausgestellten Aufnahmen wurden 2008 in New York und 2010 in Detroit gemacht. Andreas Tschersich hat sich diese beiden Städte ausgesucht, weil sie für ihn die beiden Seiten des amerikanischen Traums darstellen: den für New York nach wie vor aktuellen Traum und den für die Hauptstadt der Automobilindustrie ausgeträumten Traum. Die anderen europäischen Städte, die er für die «peripher»-Serie fotografiert hat, zeugen unmissverständlich vom Interesse des Fotografen für Industriestädte und für sich wandelnde Städte sowie für deren Nicht-Orte: Charleroi, Brüssel, Manchester, Liverpool, Ostende, Genua, Berlin, Barcelona, Krakau. Und natürlich Biel, seine Stadt, deren Aussehen sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt hat und die sich noch immer ständig verändert. Andreas Tschersich wurde 2010 im Übrigen zusammen mit einem anderen Bieler Fotografen, Peter Samuel Jaggi, ausgewählt, um eine der Stadt Biel gewidmete Beilage der Zeitschrift Hochparterre zu illustrieren. Biel, die Peripheriestadt par excellence – die in einem ständigen Wandel begriffene Stadt – sie interessiert den Fotografen verständlicherweise besonders, weil sie eben auch seine Stadt ist. Der Kunstkommission des Kantons Bern ist es eine grosse Freude, Andreas Tschersich einen der beiden Fotopreise 2011 überreichen zu dürfen. Ich beglückwünsche ihn im Namen der ganzen Kommission, die der weiteren Entwicklung seiner Arbeiten mit Spannung entgegensieht. Und als Bielerin freue ich mich ganz besonders, dass heute Abend ein Bieler Fotograf ausgerechnet hier in Biel ausgezeichnet wird..
Hélène Joye-Cagnard, Kunsthistorikerin, Biel-Bienne

Ich bin kein Architekturfotograf
Annelise Zwez, Bieler Tagblatt, 24. März 2011
zur Ausstellung «Fotopreis 2011des Kantons Bern»
in Biel-Bienne
vom 27. März bis 29. Mai 2011
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Am Samstag erhält der Bieler Künstler Andreas Tschersich einen der zwei grossen Berner Fotopreise dieses Jahres. Für ein Portfolio mit grossformatigen Aufnahmen von New York und Detroit.
Wenn er frei wählen könnte, wo würde er am liebsten eine Ausstellung mit seinen Bildern von Rand- und Aussenbezirken grosser Städte einrichten? «Im Moma in New York natürlich», lacht Andreas Tschersich. Und in der Schweiz? Vermutlich im Kunsthaus Zürich» schmunzelt er weiter. Spricht da ein übertrieben Ehrgeiziger? Nein, Wünsche haben alle Künstler. Viel informativer ist, dass er in der Schweiz nicht das Fotomuseum Winterthur nennt und auch nicht das Musée de l’Elysée in Lausanne. «Ich habe immer Mühe, wenn man von mir als ‹Fotograf› spricht», sagt er. «Ich bin das nicht. Ich habe auch nie Foto-Aufträge ausgeführt; ich könnte das gar nicht. Aber die Fotografie, so wie ich sie baue, ist das Medium, mit dem ich meine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. Meine Serien sind weder Reportagen noch Architekturfotografie.» Freimütig gesteht Andreas Tschersich, dass er schon Tage respektive Nächte durch Stadtbezirke gewandert sei, zahlreiche Fotos gemacht habe und schliesslich keines darunter gewesen sei, das er weiter hätte brauchen können. Da stellen sich Fragen. Warum nicht und was heisst «weiter brauchen»? – Langsam schält sich im Gespräch heraus, dass das Schlüsselwort «Geschichte» heisst, «Kultur- und Sozialgeschichte». Das heisst, ein Quartier, ein Platz, ein Hinterhof, eine Strassenkreuzung muss «beredt» sein, muss von Menschen erzählen, ohne sie zu zeigen. Die Menschen, die gestern da bauten und wohnten, heute und morgen da vorbeigehen oder -fahren, müssen spürbar sein; auch Gewohnheiten, Geschmackloses, Unerledigtes, Baufälliges kann da sein. Aber die Stimmung muss so sein, dass sie nicht fremd, nicht abweisend wirkt, sondern in ihrer banalen Realität vertraut wirkt und damit eine emotionale Beziehung zu den Betrachtenden schafft. Unterstützt wird diese Wirkung durch die Grösse der Bilder und die Präsentation in schweren Eichenrahmen. Andreas Tschersich ist in den 1970er- und 80er-Jahren in den Weidteilen in Nidau in aufgewachsen. Sein Vater, nach dem Krieg aus Schlesien in die Schweiz gekommen, war Schlosser, seine Mutter ursprünglich Hutmacherin. Die Region befand sich in der Krise. Auslandreisen führten oft zu einer Tante in Völklingen im Saarland, einer Stadt, die sich rühmte, besonders «hässlich» zu sein. Heute lebt Tschersich in Berlin – auch dies wahrlich eine Stadt mit bewegter (Bau)-Geschichte. Es mag sein, dass die Ambivalenz zwischen dem Unbedeutenden, dem bewusst nicht auf Repräsentation Ausgerichteten der Motive und der kaum benenn- und doch spürbaren Zuneigung des Künstlers zum Bild in diesem, seinem Lebenshintergrund wurzelt.
Dann spricht Tschersich auch von der «Arbeit am Bild». Damit meint er nicht Photoshop-Manipulationen, sondern die Montage des Bildes aus mehreren, meist neun, Aufnahmen, welche die Verzerrungen durch die Mittelformat-Kamera (eine Pentax 67) ausmerzt und so im leicht panoramaartigen Grossformat (alle C-Prints messen 220 x 170 cm) den Eindruck vermittelt, als stünde man selbst in realer physischer Grösse an jenem Ort, wo der Künstler die Aufnahme machte. «Ich arbeite ein bis zwei Wochen an einem Bild», sagt er. «Ich eigne es mir an, es muss mir ‹gehören› wenn es in die Produktion geht.» Andreas Tschersich Karriere als Foto-Künstler ist kontinuierlich, doch weder ist sein bisheriges Werk gross noch sind ihm Erfolge in den Schoss gefallen. Ursprünglich absolvierte er die Bieler Schule für Gestaltung und als Freelance-Grafiker verdient er bis heute seinen Lebensunterhalt. «Die Fotografie, wie ich sie betreibe, ist eine teure Angelegenheit, jede Vergrösserung ist eine Investition; davon kann man nicht einmal leben, wenn man hie und da eine Arbeit verkauft.»
Sowohl in den Sammlungen des Kantons Bern wie der Stadt Biel befinden sich Werke von Andreas Tschersich. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er sich um den Fotopreis des Kantons Bern bewarb, doch bisher kam er – auch beim Aeschlimann-Corti-Stipendium – zwar oft in die Endrunde, aber erst jetzt «in die Kränze». Andreas Tschersich freut sich. Mag sein, dass der Preis in Höhe von 10 000 Franken das früher im Gespräch immer wieder spürbare Gefühl «nur» ein Autodidakt zu sein, nun endlich und längst zu Recht begräbt. Denn mit der Serie «New York/Detroit» wechselt er nicht nur den Kontinent, sondern beweist auch, dass er sich in «fremde» Kontexte eindenken und diese in faszinierender Präzision zum Ausdruck zu bringen vermag.
Annelise Zwez, Kunstkritikerin, Twann
www.annelisezwez.ch

Werner Brück: Peripher.
Gespräch mit Andreas Tschersich, 25. Mai 2009, Bern
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Press release zur Ausstellung Andreas Tschersich:
peripher 2005 – 2008 in Liverpool
vom 18. September bis 3. Oktober 2008
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Is it possible to separate an
individual image from the body of work which maps AndreasTschersich’s
creative journey to date? A methodology formulated over
a period of time records his investigation into Modernity
and its continued cultural presence within our cities, fundamentally
questioning if a non-intrusive viewpoint for any photograph
is possible.

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An exhibition which documents and stands witness
to the erosion of difference while not trying to take a
photograph.« Brandon Fix |
We are familiar with such spaces and question their suitability
as subject. However, on experiencing these images we can
recognize their validity and feel their potency. A point
of departure found is transitional space, where, contextually
driven moments are offered by complex urban topography;
conditions where transition is present and uncontrolled
fluid space exists; a place where system begins to fail
and we are confronted by a language of idealized repetition
and their randomized formal collision.
On commissioning this exhibition I am reminded of my first
encounter with his photographs, where each image is a silent
witness to an unique event. A mapping of a moment found
in a specific space at a specific time and on its discovery,
we question… Can we appropriately record this experience
and document the drama of the everyday? Behind the stillness,
there is a technique which explores truth; we feel an edge,
an under-current of manipulation which signals from the
surface a disturbing quality, which escapes conscious perception
and is felt outside of content; a quality which underpins
its methodology and one where its fulcrum, and insight is
perspective. We recognize the camera is not the eye and
in an attempt to place the observer in the original experience
to which the image is witness, the viewer absent to a moment
never physically experienced, yet, due to the magic of scale
and the use of multiple views one is transposed into the
virtual reconstitution of a lost space where we are able
to share experience and original intent of the artist indirectly
through the act of looking.
David Stokes, glossmattfix, Liverpool

Liebe auf den zweiten Blick
Annelise Zwez, Bieler Tagblatt, 16. August 2007
zur Ausstellung «Scènes secondaires»
in Biel-Bienne
vom 10. bis 26. August 2007
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Eine kuratierte multimediale
Ausstellung in der städtischen Galerie in der Alten
Krone in der Bieler Altstadt? Der in Berlin lebende Bieler
Künstler Andreas Tschersich macht die Überraschung
möglich; auf hohem Niveau.
Die frei mietbaren Ausstellungsräume im Parterre der
Alten Krone im Ring sind nicht zuletzt eine Art Anker für
Bieler Künstler, die im Ausland leben und sich mit
einer Schau daselbst in Erinnerung halten. Dies gilt zum
Beispiel für den in Berlin lebenden Andreas Tschersich
(*1971). Dass er sich indes mit einer von ihm kuratierten,
internationalen, multimedialen Ausstellung präsentiert,
ist eine Überraschung; eine der spannenden Art, denn
die Künstler, die er unter dem Thema «Scènes
secondaires» in Beziehung setzt, zeigen ausnahmslos
interessante Werke und die Inszenierung verdient die Bezeichnung
«professionell». Es seien Freunde und Künstler,
die ihn inspirierten, sagt Andreas Tschersich und verrät
damit, dass es teilweise um eine Art Ausweitung –
vielleicht auch Verdeutlichung – seiner eigenen künstlerischen
Position geht.
In der Region bekannt geworden ist Andreas Tschersich mit
präzisen, bildhaften Fotografien von «Un-Orten»
– meist peripheren urbanen Quartieren und Plätzen,
die bekannt und zugleich anonym wirken. Mit der Titel-Setzung
«scènes secondaires» und der Auswahl
der Kunstschaffenden aus Schottland, Frankreich, Deutschland
und der Schweiz zeigt er nun, dass es ihm mit seiner Thematik
keineswegs um Kritik geht, sondern im Gegenteil, um die
Aufwertung von «Hinterhöfen», quasi um
Liebe auf den zweiten Blick. Er selbst zeigt in der Ausstellung
ein via «Google Earth» herangezoomtes Wohnblock-Quartier
von Glasgow – in Form von Malerei – und eine
grossformatige Fotografie eines verlassen wirkenden Hinterhofs
in Charleroi (einer Industriestadt in Belgien).
Es geht um Nähe und Distanz und um mehr. «peripher
489 (Charleroi)» ist einer Serie von abgetakelten
Bushaltestellen in Böhmischen Dörfern von Jörg
Lohse (*1969 in Chemnitz) gegenübergestellt. Wirken
letztere durch ihre serielle Anordnung, durch Ähnlichkeit
und Andersartigkeit, verdichtet Tschersichs Fotografie analog
banale Architektur in ein einziges Bild, das durch sein
Format von 206 x 160 cm lebensgross zum Betrachter spricht
und ihn dadurch quasi zum Besucher vor Ort und auf jedes
Detail aufmerksam macht.
Es entsteht eine Beziehung, unähnlich und doch im Sinne
von Ausweitung vergleichbar mit dem hervorragenden Video
von Samuel Buckman (*1972 in Dünkirchen). Dieses zeigt,
fast wie eine bewegte Fotografie, unscharfe industrielle
Anlagen und davor in Nahsicht eine überfahrene Möve,
deren einen Flügel vom Meerwind immer wieder aufgefächert
wird. Bei Tschersich wie bei Buckman geht es um Leben und
Tod, um Aesthetik und Hässlichkeit, um objektiv Gegebenes
und subjektiv Empfundenes.
Dasselbe, aber anders, gilt für das grossformatige,
gemalte Bild «peripher A (Red Road, Glasgow)»,
das ein Hochhaus-Quartier der schottischen Arbeiterstadt
aus der Vogelperspektive zeigt. Warum gemalt, fragen wir
den Künstler. «Ganz einfach», antwortet
er, «ich wollte der durch die Software bestimmten
Ansicht aus dem virtuellen Internet-Raum meine individuelle
Sicht der Situation zurückgeben». Das heisst,
dem Bild eine Art Schönheit zurückgeben. Interessanterweise
sagt Tschersich auch: «Malen ist billiger als Screen-Shots
(Bildschirmreproduktionen) in professionelle fotografische
Form zu bringen.»
Wichtiger ist indes die spannende Erweiterung der Thematik
durch ein Video von Peter McCaughey (*1964), einem bekannten
Glasgower Künstler. Es zeigt auf spektakuläre
Weise die Sprengung ähnlicher Sozialwohnungs-Quartiere
aus den 1960er-Jahren kombiniert mit Porträts von Menschen,
die da einst wohnten. Auch das Red Road-Quartier, das Tschersich
malte, soll demnächst dem Erdboden gleich gemacht werden.
Wiederum geht es also um zweite Ebenen, um Aussensichten,
die Innensichten miteinschliessen.
Andreas Tschersich will sich nicht auf das Cliché
des Vorort-Fotografen respektive – Malers reduzieren
lassen, darum zeigt er in einer dritten Fotografie «Natur»
und erinnert mit den lichtvollen Malereien unspektakulärer
Berg-Ausschnitte (Ric Sonderegger) an eigene, frühere
Berg-Fotografien. Weiter in der Ausstellung: Zahnstocher-Szenerien
von Gregor Wyder (Biel/Zürich), eine Foto-Skulptur
des Bielers Markus Furrer («Recycling») sowie
Holz-Zeichnungen von Sari Lievonen (*1967 in Glasgow).
Annelise Zwez, Kunstkritikerin, Twann
www.annelisezwez.ch

Pressetext zur Ausstellung Scènes
secondaires in Biel-Bienne
vom 10. bis 26. August 2007
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Das Interesse an peripheren,
urbanen Zonen sowie an unberührten Naturlandschaften
und deren mediale Repräsentationen sind die zentralen
Themen in den Arbeiten von Andreas Tschersich. In der Gruppenausstellung
scènes secondaires sind um seine Werke
Positionen von Künstler/innen versammelt, die sich
mit ähnlichen Themen beschäftigen und/oder seine
Arbeit inspirieren. Die aus unterschiedlichen Orten stammenden
Künstler/innen setzen sich sensibel mit ihrer unmittelbaren
Umgebung auseinander. Allen Gemeinsam ist der Aspekt des
Nebensächlichen, des Alltäglichen – scènes secondaires. Das Gewohnte und leicht Übersehbare
sowie vertraute Szenerien erhalten durch eine fokussierte
Wahrnehmung eine neue Präsenz oder werden in ihrer
Gewöhnlichkeit der Ironie übergeben.
Etwas seriell, zuweilen beliebig wirkendes bekommt bei genauer
Betrachtung etwas individuelles; alltägliche Bewegungen
lösen eine neue ungeachtete Anwesenheit aus. Selbst,
was im Alltag schwer und wuchtig wirkt, bekommt mit unvermutet
eingesetzter, leichter Materie etwas vielschichtiges und
witziges. Zart und sphärisch wirken die Auseinandersetzungen
mit der nahen Natur. Dieser gemeinsame zweite Blick der
versammelten Werke richtet sich auf das «nicht wahrgenommene»,
auf sogenannte «Un-Orte» und wird so zu einer
typischen Verkörperung des Anderen. Die verschobene
und auf das Detail gerichtete Sehweise schafft mit ihrer
Aufmerksamkeit eine neue Realität.

Textausschnitt
Unheimliche Idylle – Die Faszination
verborgener Ängste in Fotografien
von Fabienne Meyer zur Arbeit «peripher 489
(Charleroi)»
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Nicht immer muss es ein merklich
beunruhigendes Ereignis sein. Nicht immmer ein irritierender
Aufschrei. Die sachliche Umgebung, das völlige
Unterbinden des Entsetzen, das offensichtliche Fehlen eines
Motivs, kann im umgekehrten Fall genauso ein unheimliches Empfinden im
Betrachter provozieren. Der Blick in einen trostlosen Hinterhof.
Vom Russ dunkelgefärbte Backsteinhäuschen schneiden sich
scharf aus dem bedeckten Himmel. Fast, als seien sie
aus einem Bastelbogen ausgeschnitten, stehen sie da, ineinander
verschachtelt, eines lang und schmal, andere kurz
und breit. Die dunkeln Fassaden, vom Wetter gezeichnet,
scheinen jeden Lichtstrahl zu schlucken. Verwinkelt
und eng formieren sie sich zu einer scheinbar undurchdringlichen
Mauer. Davor zwei niedrige Garagen, unter denen sich schon
das Unkraut durchgekämpft hat. Ein getünchter
Holzschuppen, der durch seine Farbe fast surreal erscheint.
Dahinter der Mast einer Strassenlaterne. Gespenstische
Leere, leblos und verlassen. Wären da nicht die speckigen
Vorhänge hinter den tauben Fensterscheiben, man würde
keine Menschenseele hier vermuten. Und da, der Blick bleibt
beim einen Fenster hängen, zwei Blumenstöcke dicht
unter dem Spalt, der ihnen der Vorhang gelassen hat.
Wie selbstverständlich stehen sie da und versuchen
der Eintönigkeit zu trotzen. Sie sind es, die
den Betrachter irritieren, die Fragen nach dem Dahinter
wachrufen. Die Neugierde wird stimuliert. Der einzige Hinweis
auf menschliche Präsenz, die gespenstische Leere
am helllichten Tag wird noch unheimlicher mit dem Gedanken
an das Leben hinter dieser Fassade, hinter diesen schäbigen
Vorhängen, hinter diesen Blumen im Dunkeln…
Fabienne Meyer, Theoretische Diplomarbeit, Hochschule der
Künste Bern HKB, Bern 2007

Pressetext zur Ausstellung Charleroi,
20/11/2005 im Lokal int. in Biel-Bienne
vom 30. November bis 10. Dezember 2006
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Sambre, Charleroi – Wandbild,
Laserkopien, 205 x 488 cm, schwarz-weiss, 2005
Ausgewählte Momente in Raum und Zeit zeigt Andreas
Tschersich in seiner fotografischen Reise durch die wallonische
Industriestadt Charleroi in Belgien. Seine sensible Aufmerksamkeit
und Offenheit für «Landschaften» manifestiert
sich erstmals in einem ausführlichen Zyklus, in welchem
nach dem Auftakt «Metrostation Dampremy» nun
«Sambre» zu sehen ist.
Im Raum des lokal int. wird mit «Sambre» ein
kleiner Teil des Industrieortes Charleroi begehbar gemacht:
die industrielle Anlage liegt lebensgross und bleiern direkt
vor uns. Nebelschwaden ziehen über den Fluss im Vordergrund,
ein ausdrucksloser Himmel bedeckt die Szenerie. Vom linken
Bildrand her greift ein Teil der Industrieanlage wie ein
Arm in das Bild hinein, die Bewegung setzt sich mit einer
Brücke über den Fluss fort und endet gleichsam
im Nichts.
Das Bild ist vertikal strukturiert: Lampen wie Teleskope
setzen vertikale Rhythmen, oben und unten. Kein Mensch ist
zu sehen. Die Abwesenheit von Leben und die verhaltene Stimmung
bewirken Tristesse. Der Ort scheint sich zu verflüchtigen
und zum Inbegriff der Melancholie zu werden. Die Distanz
zwischen Betrachter und Bild ist auf ein absolutes Minimum
reduziert. So entsteht für den Besucher eine Unmittelbarkeit,
die dieses «Terrain vague» spürbar und
greifbar macht.
Diese unheimlich leeren Übergangszonen in peripheren
urbanen Zonen der menschlichen Lebenswelt sind das zentrale
Thema in den Fotografien von Andreas Tschersich. Seine «Landschaften»
führen uns die Orte vor Augen, die sich heute als gescheitert
oder vergessen präsentieren, obwohl sie einst geplant,
gebaut und belebt waren.
Nathalie Jacqueline Ritter, Architektur- und Kunsthistorikerin,
Biel-Bienne

Pressetext zur Ausstellung Charleroi, 20/11/2005 bei Marks Blond Project R.f.z.K.
in Bern
vom 9. bis 14. November 2006
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Metrostation Dampremy, Charleroi
– Beamer-Projektion, 141 x 254 cm, farbig, 2005
Einst glänzte es, dieses Charleroi in Belgien. Von
den 400‘000 Einwohnern sind nach der Stahlkrise viele
abgewandert. Die Metrostation Dampremy ist nur durch ihre
Anschrift und das rote Vordach zu erkennen. Wer steigt hier
noch ein? Wer aus? Hinter dem Eingang zur Metro erstreckt
sich eine Hausreihe, im Dunst sind Silhouetten von Fabriken
zu erkennen, etwas Grünfläche, und im Vordergrund,
die Bildbreite einnehmend, eine asphaltierte Strasse –
eine öde Industrielandschaft. Der ausdruckslose Himmel,
der die Szenerie bedeckt, nimmt die Hälfte des Bildes
ein. Es ist eine Übergangszone – geplant, gebaut,
belebt und doch verpasst oder gescheitert; in jeder Hinsicht
vergessen. Andreas Tschersich führt uns mit seinen
Fotografien jene Orte vor Augen, die sich als «Terrains
vagues» präsentieren. Wir kennen sie, diese Orte,
nicht nur in den Industriezonen. Unbehagen und Beklemmung
lösen sie aus, denn sie lassen spüren, dass einst
mehr da war. Die Abwesenheit von Menschen bewirkt Einsamkeit.
Melancholie und Tristesse prägen den Blick.
Die hier auf das ehemalige Fenster des «Kiosks»
zugeschnittene Präsentation ermöglicht einen differenzierten
Blick auf diesen Moment des Übergangs: Tagsüber
ist es dem Passanten überlassen, dieses «Terrain
vague» zu entdecken. Nachts, wenn der Kiosk zum Leuchtkasten
wird, erschliesst Andreas Tschersich diesen Un-Ort in Charleroi
und macht ihn für kurze Zeit zum greifbaren Kunst-Ort.
Ausgewählte Momente in Raum und Zeit zeigt Andreas
Tschersich in grossformatigen Werken. Seine sensible Aufmerksamkeit
und Offenheit für «Landschaften» manifestiert
sich nun erstmals in einem ausführlichen Zyklus, in
welchem «Metrostation Dampremy» den Auftakt
bildet.
Nathalie Jacqueline Ritter, Architektur- und Kunsthistorikerin,
Biel-Bienne

Pressetext zur Ausstellung Fotografien
2004 – 2005 im White Space in Zürich
vom 15. bis 24. September 2005
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Kahle Apfelbäume in einer
eiskalten Berliner Winternacht; eine alte, vergessene Metzgerei
an einem heissen Sommerabend in Le Locle; urbane Tristesse
einer verwahrlosten Tankstelle in der regennassen New Yorker
Bronx. Andreas Tschersichs künstlerisches Schaffen
ist vor allem der Dokumentation kultureller Vergänglichkeit
verpflichtet. Mit seinen grossformatigen Fotografien bezeugt
er die tiefe Verlorenheit der bewohnten Welt. Seine Bilder
halten für uns den Atem an. Sie lassen das Flüchtige
zu absoluter Präsenz erstarren.
Abseits von städteplanerischem Denken und bewusster
Gestaltung zeigt er jene Orte, die sich durch die Zeit hindurch
zu atmosphärischen Metaphern für Durchgang und
Absenz verdichtet haben. In ihnen offenbart sich die Einsamkeit
und Unwirtlichkeit unserer Städte, fremder Städte
– des Landes gleich dazu. Ein gewaltiges Bergmassiv,
das im diffusen Nebel verschwindet, kontrastiert die Vergänglichkeit
menschlicher Zivilisationsbegehren aufs Äusserste.
Nebel und vorbeiziehende Wolken mahnen seit jeher die Flüchtigkeit
des Lebendigen an. Und so lassen sich auch all unsere kulturellen
Anstrengungen und zivilisatorischen Festbeschreibungen als
eine einzige, heftige Bewegung gegen das drohende Verschwinden
begreifen.
Andreas Tschersichs Bilder sind äusserst präsente
Zeugnisse des Ephemeren, welches sich sowohl in der Banalität
unserer (urbanen) Umgebung, als auch in der monumentalen
Erhabenheit der Natur wiederfinden lässt. Durch die
grossen Formate der Fotografien – die grösste
misst 220 x 170 cm – wird diese Spannung noch betont.
Anlässlich der Ausstellung im White Space werden vier
atemberaubende Bilder des in Berlin lebenden Künstlers
gezeigt. Sie sind alle im Laufe des letzten Jahres entstanden.
Claudia Mareis, Design- und Kulturwissenschaftlerin, Basel

Es gibt viele Gelsenkirchen: Ein
Essay von Claudia Mareis
basierend auf Gesprächen mit Andreas Tschersich
im November 2004
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Was war am
Anfang? Es gibt ein erstes Bild. Der Ursprung, mein
Ur-Bild. Und ein Ort: Gelsenkirchen, 1994. Ein Auto steht
vor einem Haus. Einsam in Gelsenkirchen. Nicht mehr, aber
auch nicht weniger. Die Gewissheit stellte sich unmittelbar
und fraglos ein: Das ist das Bild. Ein
gutes Bild? Ja. Und ein Gefühl für die
Bilder, die kommen werden. Schwarzweiss war bald kein Thema
mehr. Das Licht, das Wetter, alles schien wichtiger zu sein
als das Motiv. Hingegen in Farbe zu fotografieren, bedeutete
für mich, mehr Realität einfangen zu können.
Du sprichst von Realität und nicht
von Erfindung. Das inszenierte Bild oder das «neue»
Bild interessieren mich nur bedingt. Ich bin nicht auf der
Suche nach Innovation. Sie scheint mir zu konstruiert zu
sein. Die Dinge sind schon vor uns da und noch lange danach.
Ich suche kein neues Bild im Sinne eines spektakulären
Blicks. Die Orte, die ich fotografiere sind Teil einer unscheinbaren
Realität. Sie entziehen sich uns ständig, sind
aber auf dieser Flucht doch sehr präsent. Es sind Ur-Orte
und Un-Orte zugleich: typische Orte, die immer als Verkörperung
von etwas Anderem stehen – Stadtgedanken, Wohnutopien,
Weltvergessenheit, Reissbrett-Architektur. Aber es sind
auch konkrete Orte. Unspektakulär und unheimlich offenbaren
sie ihre normale Einsamkeit. Sie sind gedacht, geplant,
zivilisiert, kultiviert und dann vergessen, verpasst oder
gescheitert. Ich halte die Orte nur fest, formal präzise.
Versuche sie fotografisch einzufrieren. Doch es soll kein
sezierender Blick sein. Ich bin auf der Suche nach einem
Bild, welches Realität nicht nur abbildet und auf sie
verweist, sondern vielmehr eine Wirklichkeit schafft, die
wirklicher ist als die Realität selbst. Du
gehst nicht vorbei. Du bleibst stehen. Ich bin da
und doch bin ich dazwischen. Zwischen dem unbemerkten Scheitern
und der Welt, die sich gleichzeitig weiterdreht. Zwischen
meinem unmittelbaren Blick und dem reproduzierten Bild.
Es gibt die perfekten Orte und den perfekten Blick darauf.
Oftmals lassen sie sich nicht vereinen. Dann wird eben kein
Bild daraus. Ich mache Portraits von Orten, von Gebäuden,
um Abwesenheit zu zeigen. Abwesenheit von Menschen, von
Sorgfalt, von Gewohnheit und von Nutzen. Das Abwesende ist
in meinen Bildern ebenso wichtig wie das Anwesende. Wichtiger
sogar. Identität zeigt sich mir in dieser Differenz.
Deine Fotografien sind Montagen?
Zusammengesetzte Wirklichkeit, ja. Aber keine Verfremdung,
sondern die Montage als Modus der maximalen Annäherung
an Realität. Nichts darf den Ausdruck des Bildes stören;
die Distanz zwischen Betrachter und Bild wird auf ein Minimum
reduziert. Inszenierte Störung – um einer künstlichen
oder kunstvollen Spannung willen – interessiert mich
deswegen nicht. Was hat sich in Deiner
Arbeit verändert? Früher waren die Orte
auf meinem Weg, heute suche ich bewusster nach ihnen. Ich
lote die formalen Möglichkeiten der fotografischen
Repräsentation aus. Das thematische Feld, in dem ich
mich bewege, ist begrenzt. Es ist ein stetes Ausloten der
Höhenkurven, der Tiefen und der Grenzbereiche darin.
Von einem konkreten Ort ausgehend, spüren meine Bilder
einem essentiellen Wesen, einer originären Gestaltnach.
Es gibt viele Gelsenkirchen. Überall. Sie sind unterschiedlich
in ihrer formalen Definition und ihrer kulturellen Ausprägung.
Doch wo immer sie auch sind – das unsagbare Gefühl,
das diesen Orten innewohnt, unterscheidet sich kaum.
Claudia Mareis, Design- und Kulturwissenschaftlerin, Basel

Presstext zur Ausstellung This Land is my
Land in der Alten Krone in Biel-Bienne
vom 14. Februar bis 28. Februar 2004
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Strassen enden im Nirgendwo.
Hochhäuser, Tankstellen verschwinden im Nebel. Städte
beginnen, wo das Land längst noch nicht aufgehört
hat. Landschaften zeigen uns die Narben, welche zivilisatorische
Aneignung hinterlässt. Territoriale, mehr aber noch
emotionale Übergänge werden sichtbar. Und Weltverlorenheit.
Mit seinen grossformatigen Fotografien fängt Andreas
Tschersich jene hybriden Momente ein, wo Landschaften urban
werden, wo Städte sich zu Natur auflösen, wo die
gebauten, die geplanten Strukturen – Häuser,
Plätze, Strassen, Schneisen – für unser
Auge zwar noch sichtbar, aber für unsere Orientierung
längst nicht mehr fassbar sind. Er zeigt uns jene Orte,
die sich selbst – abseits von städteplanerischem
Denken und abseits von gewollter Gestaltung – durch
Zufall und Zeit ihre Identität geschaffen haben. Orte,
die sich zu atmosphärischen Metaphern für Durchgang
und Absenz verdichtet haben. Es sind Dokumente des Zeitgeistes
und der Unwirtlichkeit unserer Städte, fremder Städte
– des Landes gleich dazu.
Fast könnte man diese Fotografien als einen Gegenentwurf
zur klassischen Postkarte begreifen. Fast. Denn während
die Postkarte den perfekten Blick auf einen Ort offenbart,
so wäre das Gegenteil davon, ein trostloser Blick.
Doch die Trostlosigkeit und die Melancholie, die Andreas
Tschersichs Fotografien inne wohnen, bleiben eine subtile.
Immer gibt es Hoffnung, immer gibt es einen Ausblick. Sei
es in der Weite der Natur, sei es in den Spuren der bewohnten
Stadt.
Mit den dreizehn ausgewählten Fotografien, die aus
der Zeit von 2000 bis 2003 datieren, hält Andreas Tschersich
Momente aus seinem ganz persönlichen Bewegungsradius
fest. Biel / Zermatt / Rotterdam / Berlin / Zürich.
Es sind wahrhaftig seine Orte. Es ist sein Blick auf diese
seine Welt, die er bewohnt, in der er sich bewegt und die
er sich angeeignet hat.
This Land is my Land.
Claudia Mareis, Design- und Kulturwissenschaftlerin, Basel

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